{"id":11767,"date":"2020-08-27T15:59:01","date_gmt":"2020-08-27T13:59:01","guid":{"rendered":"https:\/\/grenzinfo.eu\/erw\/?p=11767"},"modified":"2020-10-02T12:35:03","modified_gmt":"2020-10-02T10:35:03","slug":"diagnose-maximale-niederlande-sympathie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/grenzinfo.eu\/erw\/diagnose-maximale-niederlande-sympathie\/","title":{"rendered":"Diagnose: Maximale Niederlande-Sympathie"},"content":{"rendered":"<p><strong>Dr. Hedi Claahsen lebt mit ihrer Familie im deutschen Grenzort Kranenburg. Sie startete Ende der achtziger Jahre ein Medizinstudium in Nijmegen \u2013 und blieb beruflich auf der niederl\u00e4ndischen Seite der Grenze \u201eh\u00e4ngen\u201c. Heute ist sie Kinderendokrinologin im Radboudumc in Nijmegen. Wie verlief der Schritt \u00fcber die Grenze? Und warum gef\u00e4llt es ihr in den Niederlanden so gut? <\/strong><\/p>\n<p><em><strong>Wie ist Ihre berufliche Laufbahn in den Niederlanden verlaufen? Haben Sie auch in Deutschland gearbeitet? \u00a0<\/strong><\/em><\/p>\n<p>1989 nahm ich in Nimwegen mein Medizinstudium auf. 1996 habe ich das Studium abgeschlossen und als Assistenz\u00e4rztin im Bereich Kindermedizin im Radboudumc begonnen. Anschlie\u00dfend habe ich mehrere Weiterbildungen absolviert. 2002 wurde ich Kinder\u00e4rztin und sp\u00e4ter Kinderendokrinologin. 2007 habe ich promoviert und bin seitdem als Ober\u00e4rztin in der Patientenversorgung, Lehre und Forschung t\u00e4tig und leite neben der Kinderendokrinologie das Expertisezentrum Geschlecht&amp;Gender im Radboudumc Amalia Kinderkrankenhaus.<\/p>\n<p>Bevor ich den Schritt in die Niederlande gewagt habe, war ich beruflich in Deutschland t\u00e4tig. Ich habe in Kleve als Kinderkrankenschwester gearbeitet.<\/p>\n<p><strong><em>Was war die Motivation f\u00fcr den beruflichen Schritt in die Niederlande?<\/em> <\/strong><\/p>\n<p>Ich habe sehr gerne in den Niederlanden studiert und erhielt kurz nach meinem Studium die Chance auf eine Festanstellung im Radboudumc. Dadurch bekam ich die Gelegenheit, meine ersten beruflichen Schritte als \u00c4rztin in einem akademischen Krankenhaus zu gehen, was mir sehr gut gefiel. Zudem ist Nimwegen nicht weit von unserem Wohnort Kranenburg entfernt, wodurch ich nur eine kurze Anreise zur Arbeit habe. Dem Familienleben kommt das sehr zugute.<\/p>\n<p><strong><em>Was sind Ihrer Ansicht nach die gr\u00f6\u00dften Unterschiede zwischen beiden L\u00e4ndern im Bereich Arbeit?<\/em> <\/strong><\/p>\n<p>Die Kommunikation und der Umgang mit Kollegen und Patienten sind in den Niederlanden v\u00f6llig anders als in Deutschland. In den Niederlanden wird sehr ungezwungen miteinander umgegangen und kommuniziert. Das gilt auch f\u00fcr die Beziehung zu Vorgesetzten. Zudem gibt es in den Niederlanden weniger deutlich hierarchische Strukturen als in Deutschland. Au\u00dferdem sehe ich gro\u00dfe Unterschiede in der Art und Weise, wie Besprechungen in beiden L\u00e4ndern ablaufen. Die Gespr\u00e4chsatmosph\u00e4re empfinde ich als sicher und offen.<\/p>\n<p>Ein weiterer bedeutender Unterschied ist meiner Meinung nach \u2013 das gilt auf jeden Fall f\u00fcr das Radboudumc, aber auch die Niederlande allgemein \u2013 der Fortschritt in der Digitalisierung in Wirtschaft und Gesellschaft. Wir haben im Radboudumc beispielsweise eine gut funktionierende digitale Patientenakte, die wir auch mit den Patienten teilen (mijnRadboud). Zudem k\u00f6nnen wir \u00fcber digitale Medien problemlos mit Kollegen, den Eltern von Patienten und den Patienten selbst kommunizieren. Daf\u00fcr nutzen wir ein speziell gesichertes System. Auf diese Weise k\u00f6nnen wir alle relevanten Informationen mit den Beteiligten einfach teilen.<\/p>\n<p><em><strong>Was sind Ihrer Ansicht nach die gr\u00f6\u00dften Vorteile beider L\u00e4nder?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Mittlerweile habe ich auch ein engmaschiges Netzwerk mit meinen deutschen Kollegen gekn\u00fcpft. An ihnen sch\u00e4tze ich vor allem ihre Gr\u00fcndlichkeit und die h\u00f6flichen Umgangsformen. Niederl\u00e4nder k\u00f6nnen manchmal sehr direkt sein&#8230;allerdings wei\u00df man dann auch sofort, woran man ist.<\/p>\n<p><strong><em>Mussten Sie bestimmte Abschl\u00fcsse oder Qualifizierungen vorlegen, bevor Sie in den Niederlanden starten konnten?<\/em> <\/strong><\/p>\n<p>Bevor ich mit meinem Medizinstudium beginnen konnte, musste ich einen einj\u00e4hrigen Kursus in Physik und Chemie absolvieren. Dieser wurde von der Universit\u00e4t angeboten. Zudem habe ich einen Sprachkursus belegen m\u00fcssen. Alle weiteren erforderlichen Qualifikationen habe ich im Laufe des Studiums erworben.<\/p>\n<p><em><strong>Gab es noch andere Hindernisse, die aus dem Weg ger\u00e4umt werden mussten? \u00a0<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ich fand vor allem zu Beginn das niederl\u00e4ndische Krankenkassensystem ziemlich kompliziert, da die Regeln f\u00fcr mich nicht immer nachvollziehbar waren. Das niederl\u00e4ndische Gesundheitssystem besteht aus drei Ebenen: der prim\u00e4ren Behandlung (dem Hausarzt), der sekund\u00e4ren Behandlung (der regionalen Versorgung) und der terti\u00e4ren Behandlung (der fach\u00e4rztlichen Behandlung). Der Hausarzt erf\u00fcllt eine Art Filterfunktion, er ist gewisserma\u00dfen der Lotse; er \u00fcberweist den Patienten zum betreffenden Spezialisten. Der Patient kann somit nicht selbst einen Termin bei einem Spezialisten vereinbaren. In Deutschland ist das im Allgemeinen noch m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Ein zweites Hindernis ist die DigiD, die digitale Identit\u00e4t der Niederl\u00e4nder. In dem Land verl\u00e4uft fast die komplette offizielle Kommunikation und \u00f6ffentliche Dienstleistung online und \u00fcber diese DigiD. Das ist sehr praktisch, da in den Niederlanden fast alles digitalisiert ist. Man hat sofort alle relevanten Daten zusammen. Als Nicht-Niederl\u00e4nder kann man jedoch erst ab Ende 2020 eine eigene DigiD beantragen. Das sorgt bislang f\u00fcr jede Menge zus\u00e4tzlichen Organisationsaufwand.<\/p>\n<p><em><strong>Inwieweit st\u00f6rt die Grenze das Alltagsleben? \u00a0<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ich erfahre keine direkten Hindernisse im Alltag. Dank der neuen europ\u00e4ischen Verordnungen im Bereich Dataroaming verl\u00e4uft jetzt auch der Bereitschaftsdienst leichter als fr\u00fcher. Meine Familie ist dank meiner T\u00e4tigkeit im Nachbarland komplett in den Niederlanden krankenversichert. Zu Beginn verursachte das hier und da noch Schwierigkeiten. Mittlerweile ist das aber besser organisiert. Die Krankenversicherer haben inzwischen mehr Know-how auf diesem Gebiet.<\/p>\n<p>Was zun\u00e4chst Probleme verursachte, waren die Studien meiner Kinder in den Niederlanden. Erst nach langer Recherche habe ich herausgefunden, dass unsere Kinder aufgrund meines Berufes in den Niederlanden Anspruch auf eine kostenlose Bef\u00f6rderung in \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln (\u201eov-jaarkaart\u201c) und einen Zuschuss zu den Krankheitskosten haben. Ich musste einige Mails verschicken, um dies zu kl\u00e4ren.<\/p>\n<p><em><strong>Zum Abschluss: Wollen Sie auch k\u00fcnftig in den Niederlanden arbeiten oder doch wieder in Deutschland t\u00e4tig werden? \u00a0<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ich habe im Radboudumc die M\u00f6glichkeit, Behandlung, Bildung und Forschung optimal miteinander zu kombinieren. Das gef\u00e4llt mir sehr gut. Ich erhalte hier au\u00dferdem die Chance, innovative Ideen zu verwirklichen. So habe ich k\u00fcrzlich zusammen mit einigen Kollegen eine neue Genderklinik f\u00fcr Transgender-Kinder und -Jugendliche er\u00f6ffnet. Das ist eine besonders spannende Herausforderung. Ich bin mir deshalb absolut sicher, dass ich auch k\u00fcnftig in den Niederlanden arbeiten werde!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dr. Hedi Claahsen lebt mit ihrer Familie im deutschen Grenzort Kranenburg. Sie startete Ende der achtziger Jahre ein Medizinstudium in Nijmegen \u2013 und blieb beruflich auf der niederl\u00e4ndischen Seite der Grenze \u201eh\u00e4ngen\u201c. Heute ist sie Kinderendokrinologin im Radboudumc in Nijmegen. Wie verlief der Schritt \u00fcber die Grenze? 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