{"id":11923,"date":"2021-02-11T12:50:52","date_gmt":"2021-02-11T11:50:52","guid":{"rendered":"https:\/\/grenzinfo.eu\/erw\/?p=11923"},"modified":"2021-02-11T12:55:39","modified_gmt":"2021-02-11T11:55:39","slug":"forscherin-fachaerztin-familienmensch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/grenzinfo.eu\/erw\/forscherin-fachaerztin-familienmensch\/","title":{"rendered":"Forscherin, Fach\u00e4rztin, Familienmensch"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wenn eine Halbinderin mit einem Halbspanier verheiratet ist, in Duisburg aufw\u00e4chst, in Schottland und der Schweiz studiert, in Kleve wohnt und in Nimwegen arbeitet, nennt man das wohl ein Multi-Kulti-Leben. Ein Leben, das sich nicht unbedingt in die Standardformulare der deutschen und niederl\u00e4ndischen Beh\u00f6rden zw\u00e4ngen l\u00e4sst. Indira Tendolkar, Wissenschaftlerin und Fach\u00e4rztin f\u00fcr Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie, beweist, dass es trotzdem funktioniert. Was hei\u00dft das f\u00fcr ihren grenz\u00fcberschreitenden Arbeitsalltag? Welche Fragen m\u00fcssen gekl\u00e4rt werden? Wie kann der GrenzInfoPunkt der Euregio Rhein-Waal helfen? Ein Bericht aus der Praxis.<\/strong><\/p>\n<p>Indira Tendolkar ist in Duisburg aufgewachsen und hat in Aachen Medizin studiert. F\u00fcr die folgenden Studieng\u00e4nge in den Bereichen Neurologie und Psychiatrie hat es sie in die Schweiz, dann nach Schottland und letztlich in den Raum K\u00f6ln-Bonn verschlagen. Was hat sie nun in die Niederlande gebracht? \u201eDas hat zwei Gr\u00fcnde: Mein Mann und ich sind beide Wissenschaftler. Wir haben ein gutes Forschungsinstitut gesucht, an dem wir beide arbeiten k\u00f6nnen. Bei dem Donders Institute f\u00fcr Brain, Cognition and Behaviour und an der Radboud UMC in Nijmegen sind wir f\u00fcndig geworden. Au\u00dferdem kann ich dort auch klinisch arbeiten, was mir pers\u00f6nlich sehr wichtig ist.\u201c<\/p>\n<h2>Teilzeit<\/h2>\n<p>Zum anderen war die Familie Tendolkar\/ Fern\u00e1ndez-Reumann Anfang der 2000er Jahre um Nachwuchs bereichert worden: Tochter Emma Sophia und Sohn Luis V\u00edctor pr\u00e4gten den Alltag. In jener Zeit war es in den Niederlanden f\u00fcr Frauen wesentlich leichter, einen familienfreundlichen Arbeitsplatz zu finden als in Deutschland. \u201eIch konnte am Institut und in der Klinik problemlos in Teilzeit arbeiten. Das war damals in Deutschland in meinem Bereich kaum denkbar.\u201c Ganz oder gar nicht sei die Devise gewesen. Somit fiel die Wahl auf Nimwegen als Ort zum Arbeiten und Kleve zum Leben.<\/p>\n<p>Es gab nur noch eine Schwelle: \u201eIch hatte anfangs Bedenken, ob ich in einem so sprachstarken Beruf \u00fcberhaupt in den Niederlanden arbeiten kann. Bei mir geht es ja vor allem um Gespr\u00e4che mit den Patienten. Als An\u00e4sthesistin h\u00e4tte ich es da leichter gehabt, dann w\u00fcrden meine Patienten schlafen\u201c, sagt sie schmunzelnd. Aber der Einstieg ins Niederl\u00e4ndische hat erstaunlich gut geklappt. \u201eIch habe zwar nach wie vor einen deutschen Akzent, aber der ist bei der Arbeit kein Problem.\u201c Gelernt hat sie die Sprache in Kursen und dem t\u00e4glichen \u201eLearning by Doing\u201c \u2013 sowie mit gro\u00dfer Unterst\u00fctzung der Kollegen. Inzwischen ist ihr manchmal gar nicht mehr bewusst, in welcher Sprache sie gerade spricht oder denkt. \u201eDeshalb geht es manchmal auch etwas durcheinander.\u201c<\/p>\n<h2>Positives Klima<\/h2>\n<p>Die Familie kam, sah \u2013 und blieb. Mittlerweile seit 17 Jahren. \u201eDas alleine spricht schon f\u00fcr sich. Wir f\u00fchlen uns sehr wohl hier im Grenzgebiet. Im Institut ist das Miteinander sehr locker, es herrscht ein dynamisches Arbeitsklima ohne gro\u00dfe Hierarchien, man bekommt positives Feedback \u2026 es macht einfach Spa\u00df.\u201c Und das f\u00f6rdert Leistung und Laufbahn. Mittlerweile ist Indira Tendolkar stellvertretende Abteilungsleiterin der Klinik f\u00fcr Psychiatrie, h\u00e4lt einen Lehrstuhl f\u00fcr klinische, Neurowissenschaften in der Psychiatrie und eine Forschungsgruppe am Donders Institute \u2013 Europas f\u00fchrendem Institut f\u00fcr Hirnforschung.<\/p>\n<p>Was ist bei der t\u00e4glichen Arbeit anders als in Deutschland? \u201eGrunds\u00e4tzlich sind Niederl\u00e4nder weniger bewahrend. Das manifestiert sich bei uns in kontinuierlichen Restrukturierungen. Alles steht immer wieder auf dem Pr\u00fcfstand. Wir befinden uns gerade wieder mitten in der n\u00e4chsten Umstellung.\u201c Zudem wird ausf\u00fchrlicher diskutiert. \u201eW\u00e4hrend man in Deutschland Entscheidungen gerne mal im Hauruckverfahren durchbringt, gibt es in den Niederlanden gro\u00dfen Diskussionsbedarf.\u201c<\/p>\n<h2>Ambulant<\/h2>\n<p>Inhaltlich ist man in den Niederlanden in der Sozialpsychiatrie progressiver. \u201eDort wird st\u00e4rker ambulant behandelt, versucht man, die Hospitalisierung zu vermeiden. Das ganze Krankenhaussystem soll dementsprechend modernisiert werden. Es gibt heute deutlich weniger Krankenhausbetten als noch vor f\u00fcnf oder zehn Jahren.\u201c Krankenhaus\u00e4rzte seien viel st\u00e4rker in die Versorgungskette integriert.<\/p>\n<p>Und wie war es mit den Voraussetzungen f\u00fcr die Arbeit im Nachbarland? \u201eBevor ich in Nimwegen anfangen konnte, mussten meine ganzen Facharztzeugnisse europ\u00e4isch anerkannt werden. Das war ein ziemlicher Akt\u201c, blickt Indira Tendolkar zur\u00fcck. Es gab aber auch einen gro\u00dfen Vorzug: \u201eDamals gab es in den Niederlanden noch finanzielle Zuschl\u00e4ge f\u00fcr Experten, die ins Land geholt wurden. Nach zehn Jahren wurde die Regelung jedoch abgeschafft.\u201c Ein anderer Unterschied betrifft das Kindergeld: Wenn die Kinder das 18. Lebensjahr erreicht haben, l\u00e4uft das Kindergeld aus. Es gibt jenseits der Grenze auch kein Ehegattensplitting. Die Beitr\u00e4ge zur Krankenversicherung sind niedriger, die Steuers\u00e4tze dagegen h\u00f6her.<\/p>\n<h2>R\u00e4tsel Pensionierung<\/h2>\n<p>Ist das nicht verwirrend? In vielen dieser Alltagsfragen konnte sich Indira Tendolkar an die Euregio Rhein-Waal wenden, wo seit einigen Jahren der GrenzInfoPunkt die Fragen der Grenzpendler beantwortet. Ihr n\u00e4chster Beratungsbedarf ist \u00fcbrigens schon abzusehen: \u201eIch wei\u00df zum Beispiel noch nicht, wie das nach meiner Pensionierung l\u00e4uft. Muss ich dann die Krankenversicherung in Deutschland bezahlen? Damit besch\u00e4ftige ich mich, wenn es soweit ist. Wahrscheinlich werden sich die Regeln bis dahin noch mehrfach \u00e4ndern.\u201c Der GrenzInfoPunkt wird die Antworten dann schon wissen\u2026<\/p>\n<h2>Kontakte und Termine<\/h2>\n<p>Weitere Informationen zum GrenzInfoPunkt der Euregio Rhein Waal auf <a href=\"http:\/\/www.grenzinfo.eu\/erw\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.grenzinfo.eu\/erw<\/a>, unter 02821\/793079 oder per E-Mail (<a href=\"mailto:gip@euregio.org\">gip@euregio.org<\/a>).<br \/>\nAufgrund der Corona-Pandemie sind pers\u00f6nliche Beratungsgespr\u00e4che aktuell nur telefonisch m\u00f6glich. Termine montags bis donnerstags von 8.30 bis 16.30 Uhr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn eine Halbinderin mit einem Halbspanier verheiratet ist, in Duisburg aufw\u00e4chst, in Schottland und der Schweiz studiert, in Kleve wohnt und in Nimwegen arbeitet, nennt man das wohl ein Multi-Kulti-Leben. Ein Leben, das sich nicht unbedingt in die Standardformulare der deutschen und niederl\u00e4ndischen Beh\u00f6rden zw\u00e4ngen l\u00e4sst. 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