Interview Kati Tenner

Krise spielt bei Kati nur die zweite Geige

Kati Tenner sieht glücklich aus, wenn sie an ihrem Gartentisch sitzt und ihrem kleinen Sohn beim Spielen zusieht. Hier im Kirchdorf Lünten im Westmünsterland hat sie alles, was ihr privates Glück perfekt macht: Platz, Ruhe und die Nähe zur niederländischen Grenze. Auch beruflich fühlt sie sich wohl. Seit 2003 ist sie als Geigerin im Orkest van het Oosten in Enschede angestellt und genießt seitdem das Leben in einem internationalen Arbeitsumfeld. „Das mag ich sehr“, betont Kati energisch, „denn das hält einen offen.“

Auch das Pendeln bereitet ihr keine Probleme, denn „man denkt zwar, dass es Nachbarländer sind und fast alles gleich ist, aber es gibt doch viele Unterschiede und die halten mich frisch und wach“. Besondere Freude bereitet ihr auch der Perspektivwechsel, mal in dem einen und mal in dem anderen Land zu sein „und dann auch mal von draußen draufzugucken und mitzubekommen, was die Holländer eigentlich über die Deutschen denken.“

Doch auch, wenn bei Kati Tenner nach außen hin alles in bester Ordnung zu sein scheint, so drückt ihr doch etwas auf die Seele und das sind die drastischen Kulturetat-Kürzungen in den Niederlanden. Auch in ihrem Orchester wurde eingespart und die Stellen auf 70 Prozent gekürzt. „Das bedeutet einerseits, dass man 30 Prozent weniger Geld, aber auch 30 Prozent mehr Freizeit hat“, rechnet Kati vor. „Und dann fragt man sich: Was macht man mit der Zeit?“

Glücklicherweise war Kati bei der Beantwortung dieser Frage nicht auf sich allein gestellt, sondern erhielt Unterstützung vom niederländischen Staat. „Weil die Regierung die Orchesterzahl reduziert hat, gibt es jetzt Gelder für Weiterbildungen. Die kann man entweder im eigenen Fachbereich oder in einer ganz anderen Branche absolvieren. Ich zum Beispiel bin schon immer gerne gewandert und habe irgendwann mal von einer Ausbildung zum Wandercoach gelesen“, erzählt sie von der Maßnahme, die für sie gut zu den Niederlanden passt. „In dem Fall ist es von Vorteil, ein kleines Land zu sein, weil Reformen sofort auch in der letzten Ecke ankommen. Und dann wird das tatsächlich in die Gesellschaft integriert und schon ist man wieder einen Schritt weiter.“

Nach ihrer erfolgreich absolvierten Ausbildung will sich die Geigerin Kati Tenner nun nebenberuflich als Wandercoach selbstständig machen und überlegt noch, in welchem Land sie das tun wird. In den Niederlanden, wo sie sowieso schon arbeitet? Oder in Deutschland, wo sie wohnt? Eine wichtige Frage, die sie auch den Experten beim nächsten Infotag für GrenzgängerInnen der EUREGIO stellen will.

Bis dahin widmet sie sich weiter ihrer musikalischen Leidenschaft und denkt darüber nach, wie Orchester wieder mehr in die Gesellschaft ausstrahlen können. „In jeder Krise steckt auch eine Chance“, bemerkt sie ganz richtig, „denn darüber hat man vorher nicht wirklich nachgedacht.“ Sie findet, dass jetzt die Zeit dafür kommen sei, „mal frischen Wind durchziehen zu lassen und auf neue, frische Ideen zu kommen“. Denn nur dann wird auch ihr kleiner Sohn einmal all die musikalischen Meisterstücke zu hören bekommen, die die Orchester dieser Welt zu spielen imstande sind.

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